UX-Kennzahlen
SUS-Score interpretieren: Was bedeutet ein Wert von 68?
Ein SUS-Wert von 68 klingt nach knapp bestanden und ist in Wahrheit exakter Durchschnitt. Wer die Skala falsch liest, zieht aus einer brauchbaren Zahl die falsche Entscheidung.
Sie haben eine SUS-Erhebung laufen lassen und bekommen eine Zahl zurück: 68. Die naheliegende Lesart — „68 von 100, also befriedigend" — ist falsch. Der SUS-Wert ist kein Prozentwert, keine Note und kein Anteil zufriedener Nutzer.
Dieser Beitrag erklärt, was die Zahl tatsächlich bedeutet, wie sie zustande kommt und wo ihre Grenzen liegen.
Was misst der System Usability Scale?
Der SUS misst die wahrgenommene Gebrauchstauglichkeit eines Systems mit zehn Aussagen auf einer fünfstufigen Zustimmungsskala. John Brooke veröffentlichte ihn 1996 bei Digital Equipment und nannte ihn selbst „quick and dirty" — genau darin liegt seine Stärke.
Die zehn Aussagen wechseln bewusst zwischen positiv und negativ formuliert:
- Ich denke, dass ich dieses System gerne regelmäßig nutzen würde.
- Ich fand das System unnötig komplex.
- Ich fand das System einfach zu benutzen.
- Ich glaube, ich bräuchte technische Unterstützung, um das System zu nutzen.
- Ich fand, die verschiedenen Funktionen waren gut integriert.
- Ich fand, es gab zu viele Widersprüche im System.
- Ich kann mir vorstellen, dass die meisten Menschen das System schnell beherrschen.
- Ich fand das System sehr umständlich zu bedienen.
- Ich fühlte mich bei der Nutzung sehr sicher.
- Ich musste viel lernen, bevor ich mit dem System zurechtkam.
Der Wechsel ist kein Stilmittel. Er zwingt Teilnehmende, jede Aussage einzeln zu lesen, statt eine ganze Spalte durchzukreuzen.
Wie wird der SUS-Wert berechnet?
In fünf Schritten, und die ersten beiden werden am häufigsten falsch gemacht:
- Ungerade Aussagen (1, 3, 5, 7, 9): Antwortwert minus 1. Aus einer 4 wird eine 3.
- Gerade Aussagen (2, 4, 6, 8, 10): 5 minus Antwortwert. Aus einer 2 wird eine 3.
- Die zehn umgerechneten Werte addieren. Ergebnis liegt zwischen 0 und 40.
- Die Summe mit 2,5 multiplizieren. Ergebnis liegt zwischen 0 und 100.
- Über alle Teilnehmenden mitteln.
SUS = ( Σ(ungerade − 1) + Σ(5 − gerade) ) × 2,5
Rechnen müssen Sie das nicht von Hand: Der SUS-Rechner nimmt einzelne Antworten oder eine ganze Erhebung und liefert Wert, Note und Vertrauensbereich.
Was bedeutet ein Wert von 68?
68 ist exakt der Durchschnitt. Jeff Sauro hat 2011 über 500 veröffentlichte SUS-Erhebungen zusammengeführt und kam auf einen Mittelwert von 68. Wer 68 erreicht, liegt also im Perzentil 50 — besser als die Hälfte aller gemessenen Systeme, schlechter als die andere.
Das ist die entscheidende Eigenschaft der Skala: Sie ist relativ, nicht absolut. Ein Wert für sich ist bedeutungslos. Er wird erst durch den Vergleich aussagekräftig — mit dem Branchenwert, mit der Vorgängerversion oder mit einem Wettbewerber.
Die Notenskala
Jeff Sauro und James Lewis haben die Werte auf eine Notenskala mit Perzentilen abgebildet; Bangor, Kortum und Miller zusätzlich auf Adjektive. Dieselbe Skala verwendet der SUS-Rechner:
| SUS-Wert | Note | Perzentil | Einordnung |
|---|---|---|---|
| 84,1 – 100 | A+ | 96. – 100. | ausgezeichnet |
| 80,8 – 84,0 | A | 90. – 95. | sehr gut |
| 78,9 – 80,7 | A− | 85. – 89. | sehr gut |
| 77,2 – 78,8 | B+ | 80. – 84. | gut |
| 74,1 – 77,1 | B | 70. – 79. | gut |
| 72,6 – 74,0 | B− | 65. – 69. | gut |
| 71,1 – 72,5 | C+ | 60. – 64. | überdurchschnittlich |
| 65,0 – 71,0 | C | 41. – 59. | durchschnittlich |
| 62,7 – 64,9 | C− | 35. – 40. | unterdurchschnittlich |
| 51,7 – 62,6 | D | 15. – 34. | schwach |
| 0 – 51,6 | F | 0. – 14. | nicht akzeptabel |
Zwei Marken sind praktisch relevant. 80,8 ist die Grenze zur Note A — ab hier gehört ein System zu den besten zehn Prozent. 51,7 ist die Grenze zur Note F, unterhalb derer Gebrauchstauglichkeit als nicht mehr akzeptabel gilt — dort helfen keine Detailverbesserungen mehr.
Was der SUS nicht sagt
Das ist der wichtigste Abschnitt dieses Beitrags. Der SUS liefert eine Zahl und keinen Grund.
- Er zeigt nicht, welcher Bildschirm, welcher Schritt oder welche Funktion das Problem ist.
- Er trennt nicht zwischen Verständlichkeit, Geschwindigkeit, Verlässlichkeit und Ästhetik — alles fließt in einen einzigen Wert.
- Er misst nicht die tatsächliche Aufgabenerfüllung, sondern die Einschätzung der Teilnehmenden.
- Er ist nicht diagnostisch. Ein Absturz von 74 auf 61 sagt Ihnen, dass etwas passiert ist, aber nicht was.
Deshalb wird der SUS in der Praxis fast immer kombiniert: die Kennzahl für die Einordnung, eine offene Frage oder eine Methode wie JTBD Switch für die Ursache. Ein durchgerechnetes Beispiel für diese Kombination steht im Fallbeispiel Checkout-Abbrüche.
Wie viele Teilnehmende braucht ein SUS?
| Zweck | Teilnehmende | Aussagekraft |
|---|---|---|
| grobe Einordnung | 12 bis 15 | Größenordnung, keine Nachkommastellen |
| belastbarer Einzelwert | 30 bis 50 | Vertrauensbereich rund ± 6 Punkte |
| Vergleich zweier Versionen | ab 60 je Gruppe | erkennt Unterschiede ab etwa 8 Punkten |
| Segmentvergleich | ab 40 je Segment | Rollen, Regionen, Nutzungshäufigkeit |
Bei kleinen Stichproben schwankt der SUS erheblich. Ein Sprung von 71 auf 76 bei 15 Teilnehmenden ist Rauschen, kein Fortschritt. Wie sich das rechnen lässt, steht in Wie viele Teilnehmer braucht eine Umfrage?
Die vier häufigsten Auswertungsfehler
1. Als Prozentwert lesen. 68 heißt nicht „68 % zufrieden". Es ist ein Punktwert auf einer willkürlich auf 100 skalierten Achse.
2. Nachkommastellen ernst nehmen. Ein Ergebnis von 72,4 gegenüber 71,8 ist bei üblichen Stichprobengrößen kein Unterschied.
3. Den Fragebogen umformulieren. Die Vergleichbarkeit mit dem Benchmark von 68 hängt daran, dass die zehn Aussagen im Wortlaut verwendet werden. Wer sie „verständlicher" macht, misst etwas anderes und darf nicht mehr vergleichen.
4. Ohne Bezugspunkt berichten. Ein SUS-Wert ohne Vorher, ohne Wettbewerber und ohne Branchenwert ist eine Zahl ohne Aussage.
SUS oder UEQ+?
Kurz: SUS, wenn Sie schnell eine vergleichbare Gesamtnote brauchen. UEQ+, wenn Sie wissen müssen, an welcher Eigenschaft es hängt.
Der SUS kostet Teilnehmende zwei Minuten und liefert einen Wert. Der UEQ+ ist modular, misst mehrere Qualitätsdimensionen einzeln und zeigt damit, ob es an Verständlichkeit, Effizienz, Verlässlichkeit oder Attraktivität liegt. Der Preis dafür ist ein längerer Fragebogen.
Die ausführliche Gegenüberstellung inklusive NPS steht in UX messen: UEQ+, SUS und NPS im Vergleich. Beide Methoden im Detail: SUS und UEQ+.
Quellen und weiterführende Literatur
- John Brooke: SUS — A quick and dirty usability scale (1996), die Originalveröffentlichung
- Jeff Sauro: A Practical Guide to the System Usability Scale (2011), Benchmark von 68 aus über 500 Studien
- Aaron Bangor, Philip Kortum, James Miller: Determining What Individual SUS Scores Mean (2009), Notenskala und Adjektivskala
- Jeff Sauro, James R. Lewis: Quantifying the User Experience (2016), statistische Einordnung
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