Befragungen
Wie viele Teilnehmer braucht eine Umfrage?
Die kurze Antwort lautet 385. Die längere hängt daran, ob Sie zählen oder verstehen wollen — und wie viele Gruppen Sie am Ende vergleichen müssen.
Die Frage kommt in jedem Projekt, meist zu spät — nämlich dann, wenn die Erhebung schon läuft und jemand wissen will, ob 47 Antworten „reichen".
Die Antwort hängt davon ab, was Sie mit den Zahlen vorhaben. Für eine Prozentangabe im Geschäftsbericht gilt etwas anderes als für die Frage, welche Themen Ihre Kunden überhaupt beschäftigen.
Die kurze Antwort
385. Das ist die Zahl auswertbarer Antworten, die Sie für ein Konfidenzniveau von 95 Prozent und eine Fehlermarge von 5 Prozentpunkten benötigen, wenn die Grundgesamtheit groß ist.
„Groß" heißt hier: ab etwa 20.000 Personen ändert sich nichts mehr. Ob Ihre Zielgruppe 50.000 oder 5 Millionen Menschen umfasst, ist für die nötige Stichprobe irrelevant. Das ist die kontraintuitivste Eigenschaft der Statistik und der Grund, warum bundesweite Umfragen mit rund 1.000 Befragten auskommen.
Tabelle: Stichprobengröße nach Grundgesamtheit
Benötigte auswertbare Antworten bei 95 Prozent Konfidenzniveau:
| Grundgesamtheit | ± 10 Prozentpunkte | ± 5 Prozentpunkte | ± 3 Prozentpunkte |
|---|---|---|---|
| 100 | 50 | 80 | 92 |
| 200 | 66 | 132 | 169 |
| 500 | 81 | 218 | 341 |
| 1.000 | 88 | 278 | 517 |
| 5.000 | 95 | 357 | 880 |
| 10.000 | 96 | 370 | 965 |
| 50.000 | 96 | 382 | 1.045 |
| 100.000 und mehr | 97 | 385 | 1.068 |
Die mittlere Spalte ist der übliche Standard. Die rechte Spalte kostet etwa das Dreifache an Teilnehmenden und lohnt sich nur, wenn Sie tatsächlich Unterschiede von wenigen Prozentpunkten belegen müssen.
Die Formel
Für große Grundgesamtheiten:
n = z² × p × (1 − p) / e²
z = 1,96 bei 95 % Konfidenzniveau
p = 0,5 ungünstigster Fall, wenn die Verteilung unbekannt ist
Gebrochene Werte werden immer aufgerundet — eine halbe Antwort gibt es nicht.
e = 0,05 Fehlermarge in Anteilen
n = 1,96² × 0,5 × 0,5 / 0,05² = 384,16 → aufgerundet 385
Bei kleinen Grundgesamtheiten kommt eine Korrektur dazu:
n_korrigiert = n / (1 + (n − 1) / N)
N = Grundgesamtheit
Der Wert p = 0,5 ist bewusst pessimistisch. Wenn Sie aus Vorerhebungen wissen, dass die
gesuchte Größe bei etwa 20 Prozent liegt, sinkt die nötige Stichprobe deutlich.
Der Stichprobenrechner nimmt Ihnen die Formel ab und rechnet Rücklaufquote, Ausschuss und die Zahl der Segmente gleich mit ein.
Wann deutlich weniger reicht
Wenn Sie nicht zählen, sondern verstehen wollen. Qualitative Erhebungen folgen einer anderen Logik: Sie sind nicht auf Repräsentativität ausgelegt, sondern auf Sättigung — den Punkt, ab dem neue Teilnehmende keine neuen Themen mehr beitragen.
| Ziel | Teilnehmende | Was Sie bekommen |
|---|---|---|
| Themen entdecken, Hypothesen bilden | 20 bis 30 | die relevanten Muster, keine Anteile |
| Bedienbarkeitsprobleme finden | 8 bis 15 | die häufigsten Hürden |
| grobe Einordnung einer Kennzahl | 30 bis 50 | Größenordnung, keine Nachkommastellen |
| belastbare Anteile berichten | 385 und mehr | „37 % nennen X" mit Fehlermarge |
| Segmente vergleichen | 40 bis 100 je Segment | Unterschiede zwischen Gruppen |
Die Zeile mit den Bedienbarkeitsproblemen überrascht viele. Für das Finden von Problemen genügen tatsächlich sehr wenige Teilnehmende, weil dieselben Hürden immer wieder auftreten. Für die Aussage, wie viele Nutzer betroffen sind, brauchen Sie die große Stichprobe.
Der teuerste Fehler: Segmente vergessen
Die Mindestzahl gilt je Segment, nicht insgesamt. Das wird fast immer übersehen und macht den Unterschied zwischen einer nützlichen und einer nutzlosen Erhebung aus.
Ein Beispiel: Sie erheben 400 Antworten und sind zufrieden. Bei der Auswertung wollen Sie Neukunden mit Bestandskunden vergleichen und stellen fest, dass nur 38 Neukunden dabei sind. Für diesen Vergleich ist die Erhebung wertlos, obwohl die Gesamtzahl stimmt.
Rechnen Sie rückwärts: Legen Sie vor der Erhebung fest, welche Gruppen Sie am Ende gegenüberstellen wollen, und multiplizieren Sie die Mindestzahl je Gruppe. Wer vier Segmente vergleichen will, braucht mindestens 160 bis 400 Antworten — verteilt auf die vier Gruppen, und die Verteilung stellt sich nicht von allein ein.
Rücklaufquote einrechnen
Die berechnete Zahl ist die Zahl der auswertbaren Antworten, nicht der Einladungen. Zwischen beiden liegt die Rücklaufquote:
| Rücklaufquote | Einladungen für 385 Antworten |
|---|---|
| 50 % | 770 |
| 30 % | 1.284 |
| 25 % | 1.540 |
| 15 % | 2.567 |
| 5 % | 7.700 |
Kalkulieren Sie zusätzlich 5 bis 15 Prozent Ausschuss ein: Abbrüche mitten im Fragebogen, durchgeklickte Antwortmuster, unbrauchbare Freitexte.
Wenn Sie am unteren Ende der Tabelle landen, ist Ihr Problem nicht die Stichprobengröße, sondern der Rücklauf. Die Hebel dafür stehen in Rücklaufquote steigern
Größe ist nicht Repräsentativität
Eine große Stichprobe kann systematisch schief sein, und dann hilft die Größe nichts. Wenn Sie ausschließlich über Ihren Newsletter einladen, befragen Sie Menschen, die Ihren Newsletter abonniert haben. Das ist eine ganz bestimmte Gruppe, und keine Fallzahl der Welt korrigiert das.
Drei Verzerrungen, auf die Sie achten müssen:
- Auswahlverzerrung. Wen erreicht der Einladungsweg nicht?
- Selbstselektion. Es antworten überdurchschnittlich viele sehr Zufriedene und sehr Unzufriedene. Die Mitte fehlt.
- Überlebensverzerrung. Wer bereits abgewandert ist, steht nicht mehr in Ihrer Kundenliste. Genau diese Personen hätten die interessanteste Antwort.
Der dritte Punkt ist bei Abwanderungs- und Abbruchfragen entscheidend. Mehr dazu in Warum brechen Kunden im Checkout ab?
Praktisches Vorgehen
- Entscheidung benennen, die von der Erhebung abhängt.
- Zählen oder verstehen? Danach richtet sich alles Weitere.
- Segmente festlegen, die verglichen werden sollen — vor der Erhebung.
- Mindestzahl je Segment aus der Tabelle nehmen und zusammenrechnen.
- Durch die erwartete Rücklaufquote teilen, 10 Prozent Ausschuss aufschlagen.
- Während der Feldzeit beobachten, ob die Segmente sich füllen, und gegebenenfalls gezielt nachfassen.
Schritt 6 rettet mehr Erhebungen als jede Vorabrechnung. Eine Erhebung, bei der man erst nach dem Feldende merkt, dass ein Segment leer geblieben ist, lässt sich nicht mehr reparieren.
Quellen und weiterführende Literatur
- William G. Cochran: Sampling Techniques (1977), Standardformel zur Stichprobengröße
- Jeff Sauro, James R. Lewis: Quantifying the User Experience (2016), Stichprobengrößen in der UX-Forschung
- Greg Guest, Arwen Bunce, Laura Johnson: How Many Interviews Are Enough? (2006), Sättigung in qualitativen Studien
Weiterlesen
Passt zu diesem Thema.
-
Befragungen
Fragebogen erstellen: zwölf Fehler, die Ihre Ergebnisse verfälschen
Doppelfragen, Skalen, die die Antwort vorgeben, die falsche Reihenfolge: zwölf Fragebogenfehler mit Belegen aus der Umfrageforschung und einer besseren Formulierung je Fehler.
-
Befragungen
Rücklaufquote steigern: neun Hebel, die messbar wirken
Warum Ihre Umfrage zu wenige Antworten bekommt und was daran wirklich hilft: Länge, Betreffzeile, Absender, Zeitpunkt, Erinnerung, Anreiz. Mit Beispieltexten und Größenordnungen.
-
Recht & Vertrauen
EU AI Act und Kundenbefragungen: was seit August 2026 gilt
Die KI-Verordnung ist seit dem 2. August 2026 im Hauptteil anwendbar, die Hochrisiko-Pflichten sind auf Dezember 2027 verschoben. Was das für Umfragen mit KI-Auswertung bedeutet — Rollen, Fristen, Verbote, Checkliste.
Erst rechnen, dann fragen.
usabiq zeigt während der Erhebung, wie belastbar Ihre Zahlen bereits sind, und weist Segmentvergleiche mit statistischer Sicherheit aus. 14 Tage testen, ohne Kreditkarte.